Tja nun bin ich tatsächlich seit 3 Tagen in Ghana und lebe immer noch. Um 4 Uhr in der Früh gings am Samstag los zum Flughafen Richtung Ungewissheit. Durch Schlafmangel bedingt realisier ich in diesem Zeitpunkt nicht im Mindesten, dass ich mich gleich für 6 Monate von München verabschieden muss. Uns neun führt unsere Reise zuerst nach Istanbul. Hier fällt mir auf, dass ich meinen blaukarierten Pulli in München am Flughafen gelassen hab, ein Teil von mir ist also da geblieben. In einem weitaus geräumigeren Flugzeug geht es weiter nach Lagos (Nigeria). Waren vorher 98% der Passagiere keine Afrikaner, haben sich jetzt die Verhältnisse umgekehrt. Nun wird das erste Mal Kontakt zu der neuen Kultur aufgenommen. Fast jeder Afrikaner, neben dem ich eine Weile zur Ruhe komme, begrüßt mich mit einem herzlichen „You`re welcome“ und fragt mich mit ehrlichem Interesse über meine Herkunft und meinen Aufenthalt in Afrika aus. Die weiße Minderheit ist sich auch als solche bewusst. Irgendwann klopft mir einer weißer Rastamann auf die Schulter und verlangt nach meiner E-mailaddressse. Man sei ja beide deutsch und könne ja mal zusammen in Ghana rumreisen. Also Rastamann, meld dich mal, wenn du das liest. In Lagos nun leert sich dass 700 Personen Flugzeug bis auf 50 Passagiere. Es wird fast schon persönlich, man kann die Stewdess von den Vorteilen eines Schokobonbon-Pflaumentausches überzeugen. Wir erreichen Accra, die Hauptstadt von Ghana, um 20:30 Ortszeit und sind nun seit 18 Stunden unterwegs. Der erste Eindruck vom ghanaischen Wetter: Es pisst und ist sackschwül. Bei der Einreisekontrolle fängt Konrad an nervös zu werden. Er hat den Nachweis über seine für die Einreise vorgeschriebene Gelbfieberimpfung vergessen. Doch glücklicherweise ist die zuständige Dame zu sehr damit beschäftigt schlecht drauf zu sein und in einer unbekannten Sprache die Funktionsweise des elektronischen Fingerabdruckgeräts zu erklären. Vor dem Flughafen werden wir von Keykey, dem Sohn des Organisationsvorsitzenden Albert Osei-Wusu, und Sabrina, einer beinahe Expraktikantin, abgeholt. Auf der Taxifahrt zum Volu Headquarter, wo wir die erste Nacht verbringen werden, kommt man noch ein wenig mehr mit der ghanaischen Lebensweise in Berührung. Nach 5 Minuten wird mir klar, dass meine Suche nach einem Gurt zwecklos ist. Das Taxi hat unterwegs ein Problem mit dem Motor und muss kurz in einer Tankstelle gewartet werden. In einer dunklen Seitenstraße hält uns ein in Militärklamotten gekleideter Polizist auf, brummt einige extrem unwirsche Worte ins Cockpit und leuchtet mit seiner Stabtaschenlampe energisch auf die Rückbank, als seien wir das seit Monaten gesuchte Terroristentrio. Nachdem der Taxifahrer ihm jedoch einen lilanen Schein in die Hand gedrückt hat, fällt dem Polizist auf, dass er sich getäuscht hat und wir dürfen weiterfahren. Die Unterkunft bei Volu ist etwas spartanisch, was aber nach der langen Reise keinen so wirklich interessiert, in die Waschräume traut sich jedoch trotzdem keiner. Die ganze Nacht sind aus der Ferne verschiedene Reggaetunes zu hören. Am nächsten Morgen begegnet mir Accra das erste Mal im Hellen und zeigt sich von seiner nicht allzu besten Seite. Die Armut ist nicht zu übersehen. Die Straßen sind mit Müll übersät, in dem Hühner und Ziegen nach Essensresten suchen. Die Luft ist vom Sauerstoff befreit und setzt sich aus einem sehr strengen Abwasser-Abgas-Gemisch zusammen. Auf unserem Weg zum Busbahnhof sehen wir einen halb verwesten Hundekadaver. So scheint es zumindest zuerst, doch hebt dieser kurz den Kopf und schaut uns mit seinen leeren Augen an, ehe er sich wieder dem Sterben widmet. Wir gönnen uns Plätze in einer Art V.I.P. Bus, der uns nach 2 Stunden Wartezeit innerhalb von 6 Stunden, für umgerechnet 7€ nach Kumasi bringt. Die Sessel [sic!] sind aus rotem Kunstleder und bestens zum Schlafen geeignet. Nach nicht langer Zeit wach ich jedoch von lautem Menschengeschrei auf und erkenne nach einiger Verwirrung, dass sich der Fernseher in Betrieb gesetzt hat und  bei voller Lautstärke ein Film gezeigt wird. Dass ich den Lautsprecher über meinem Kopf ausschalten kann, finde ich leider erst 2 Stunden später heraus und so komme ich in den Genuss von „Straight to your heart“ Teil 1-3, etwa zu vergleichen mit einer Art GZSZ auf Spielfilmlänge. Nicht zu empfehlen… Das Afrika, das nun am Fenster vorbeizieht, gefällt mir um einiges besser. Zu sehen sind tropische Wälder, durchzogen von Dörfern und Siedlungen. Die Straßenqualität jedoch sorgt dafür, dass die Busreise eine „Wilde Maus“-fahrt auf der Wiesn um Längen schlägt. Von Kumasi aus geht es in Taxis Richtung Endstation, dem Hostel der German-Ghanaian School in Denchemouso. Das Zimmer ist tatsächlich sehr geräumig und gemütlich eingerichtet. Nach kurzer Inspizierung wird sich auf die Suche nach etwas zu Essen begeben. Wir landen in einer Art riesigem Bistro, in welchem bei Musik in ohrenzerfetzender Lautstärke zwei Gerichte serviert werden. Fufu mit Fleisch und Fufu ohne Fleisch. Da das „Fleisch“ nicht exakt identifizierbar bleibt, wird sich kollektiv für das Erstere entschieden und wir bezahlen für eine magenfüllende Portion jeder einen Cedi (ca. 50 Cent).  Fufu ist das Nationalgericht schlechthin und wird aus gestampfter Kochbanane und Maniok hergestellt. Heraus kommt eine fast geschmacklose Masse, mit etwas gewöhnugsbedürftiger  Konsistenz (Kaugummi-Brei-Sahne). Serviert wird das ganze mit verschiedenen Soßen, die das ganze dann doch zu einem echten Geschmackserlebnis werden lassen. Nach etwa der Hälfte hat die Schärfe jedoch dafür gesorgt, dass mir das Wasser auf der Stirn steht und mir aus der Nase läuft. Da mir jedoch ein Blick nach links und rechts verrät, dass es nur mir so geht, schnäuze ich mich und lasse mir nichts anmerken. Danach geht es mehr oder weniger straight ins Bett, man war schließlich zwei Tage und Nächte fast durchgehend unterwegs. Am nächsten Tag erfahren wir, dass die solarbetriebene Wasserpumpe bedingt durch fehlende Sonneneinstrahlung ausgefallen ist und wir uns vorerst mit Wasser aus dem Brunnen begnügen müssen. Dass klingt zwar erst bischen doof, aber wer kann schon von sich behaupten, dass er sein Klospülwasser einmal selbst aus dem Brunnen gezogen hat? Nach dem frisch eingekauften Frühstück besuchen wir den großen Markt von Kumasi, ein gefühlte tausend Hektar großes Meer an Ständen aus Holz und Wellblech. Nach etwa einer Stunde schließe ich mich der Meinung an, dass kein Gegenstand existiert, den man auf diesem Markt nach längerer Suchzeit nicht findet. Schmuck, Klamotten, Stoffe, Gewürze, Süßigkeiten, Macheten, Radiowecker, Handys, Kommoden, Fahrradersatzteile, Zuckergussgeburtstagstorten, es gibt einfach alles. Mit kindlicher Freude rate ich, was sich wohl hinter der nächsten Ecke verbirgt, doch ich liege immer falsch. Plötzlich wird der Geruch ein wenig strenger und ich erfahre, dass wir uns in Richtung Fleischmarkt bewegen. Ich bin mir sehr sicher, dass dieser Fleischmarkt von der weltweiten Vegetarierlobby als Bekehrungsmaschiene eingesetzt wird. Tatsächlich habe ich als großer Fleischesser seit dieser Begegnung keinen Brocken Fleisch mehr angerührt. Der Bereich ist vollkommen abgedeckt und heraus kommt ein fast stockdunkles, unglaublich stickiges Gruselkabinett. Ich habe Dinge gesehen, die ich vielleicht in einem Älienhardcoresplattterfilm erwartet hätte, aber mit Sicherheit nicht im Inneren eines irdischen Tieres… Der Attraktionsstatus, den wir bei Afrikanern wie Weißen (also eigentlich allen) haben, bleibt uns erhalten und wird uns wohl auch die nächsten sechs Monate über erhalten bleiben. Viele Händler strecken uns ihre Hände entgegen, begrüßen uns und fragen freundlich und offen, wo wir denn herkommen. Die einzige weiße Frau hingegen, die wir auf dem Markt an diesem Tag treffen, begrüßt uns schon von weitem mit einer Selbstverständlichkeit, als sei man seit Jahren Bekannte. Als mich jedoch eine noch recht junge Frau am Arm packt und mir ihr 5-jahre altes Kind mit den Worten „Take him with you, please“ entgegenschupst, wird mir ein wenig mulmig und mir fällt wieder ein, dass ich mich trotz des lustigen Treibens immer noch in einem ziemlich armen Land befinde. Nachdem Jessica endlich ihre Flipflops in Ghana- und Liverpoolfarben und 3 Yard Stoff im richtigen Muster gefunden hat, können wir nach etwa 4 Stunden den Markt verlassen. Nach einem kurzen Stopp im Internetkaffee wird bei einem Imbiss (kollektiv fleischlos) zu Abend gegessen. Die Rückfahrt erweist sich als sehr anstrengend. Am Busbahnhof fahren die völlig überfüllten Trotros (Kleinbusse) anscheinend ohne Plan und Konzept in verschiedenen Richtungen aus der Stadt hinaus. Nach etwa 90 Minuten finden wir jedoch einen Platz und sitzen nun mit insgesamt 30 Menschen in einem ca. 10 Quadratmeter großen Fahrzeug. Während der Fahrt sammelt der Mate das Geld ein. Wer seine Ruhe will, sollte sich deswegen nicht zentral platzieren, ansonsten ist er durchgehend damit beschäftigt Geld (umgerechnet 15 Cent) von hinten nach vorne und Wechselgeld von vorne nach hinten zu reichen. Da die Sonne hier ganzjährig schon etwa um 6 untergeht und bedingt durch die Zeitverschiebung, meldet sich auch heute wieder recht früh die Müdigkeit und es wird sehr zeitig ins Bett gegangen. Am nächsten Tag fangen wir an uns ein wenig häuslich einzurichten. Zuhause ist mir Ordnung eigentlich vollkommen egal, hier allerdings überfällt mich plötzlich ein Ordnungsfimmel und ich miste mit Freude die Überbleibsel unserer Vorgänger aus. Es entsteht die Erkenntnis, dass unglaublich viel Zeug von mir umsonst mitgenommen wurde, denn eigentlich ist alles (abgesehen von Klamotten) da, was man braucht. Moskitonetz, Bettzeug, Werkzeug, Bücher, Medikamente etc.. Unsere Hausapotheke hat es in sich, hier sammelt sich die von Generationen dagelassenen Pillen, die besorgte Mütter ihren Schützlingen aufgezwungen und eher gelassene Praktikanten nicht gebraucht haben. Nachdem ich alles nach Wirkung geordnet habe, wird sichtbar, dass wir allein gegen Durchfall acht verschiedene Mittel haben. Mit diesen homöopathischen, natürlichen und chemischen Waffen im Hinterhalt mache ich mir nun weniger Gedanken über unsauberes Trinkwasser. Getrunken wird übrigens aus verschweisten Plastiktütchen, von denen man eine Ecke abbeißt und die es so gut wie überall zu kaufen gibt. Nachdem alles einigermaßen aufgeräumt ist, geh ich mit Dennis los um einen geeigneten Platz für seine Slackline zu finden. Schnell haben wir ein paar Kinder und Jungendliche, die interessiert zuschaun, was die „O bronis“ (Weiße) denn da für lustige Sachen machen. Ich fang jedoch an mich ein wenig unwohl zu fühlen, als zwei mit kleinen Macheten ausgerüstete, vll. 9-jährige Jungs vorbeikommen und mit einem Messerwerfspiel anfangen. Tja andere Länder andere Sitten. Die Kinder erweisen sich jedoch alle als voll liebenswürdig und nach dieser Begegnung freue ich mich nun schon fast darauf, am 19. September (Schulbeginn) das „unterrichten“ anzufangen. Nach unserer sportlichen Betätigung beschließen wir, heute mal selber zu kochen, denn wir haben im Schrank ein westafrikanisches Kochbuch gefunden. Da uns für Antilopengulasch und Eichhörncheneintopf [sic!] die Zutaten fehlen, entscheiden wir uns für Gemüseomeletts. Das Ergebnis ist wohl eher eine Art Aufstrich und weicht essentiell von der Vorgabe ab, aber wir sind zufrieden. Nachdem alles aufgegessen ist, fange ich nun an diesen Bericht zu schreiben. Unterbrochen werde ich von Jessica, die mit uns Marry, eine Verwandte von Albert (Wer das ist, hab ich schon mal erwähnt.), besuchen möchte, welche für die Praktikanten als weiterer Ansprechpartner dient. Um 10 Uhr Abends gehen wir los. Ghana bei Nacht ist noch einmal ein Erlebnis für sich. Obwohl es schon recht spät und dunkel ist, scheint noch alles aktiv zu sein. Vor jedem Haus sitzen noch Menschen, unterhalten sich, lachen oder verkaufen weiter ihre Waren. Da Marry nicht zuhause ist, wie uns ihre Kinder mitteilen, kehren wir wieder zurück und ich kann endlich meinen in diesem Moment absolut uptodaten, ersten Bericht beenden. Es ist der 30.08.2011 um 22:46 und es fällt mir merklich schwer mich weiter zu konzentrieren, Dennis schläft schon seit längerem. Wenn ich es schaffe, werde ich morgen den Bericht hochladen und ich hoffe, dass ihn einige lesen werden und ich mir die Arbeit nicht umsonst gemacht hab ;-). Also einen schönen Mittwoch noch und gute Nacht.

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