Am Mittwoch den 31.08.2011 sind wir vier Praktikanten aus Denchemouso (Lea, Sabine, Dennis, Ich), Eva aus Tanaso, Sabrina und Jessica (um mal die ganze Horde beim Namen zu nennen) bei der Gastfamilie von Jakob und Konrad eingeladen. Das Haus der ziemlich wohlhabenden Familie ist beinahe eine Villa und voll gestopft mit Menschen. Es bleibt leider nicht ganz durchsichtig, wer jetzt wirklich zur Familie dazu gehört und wer nur grad zu Besuch ist. Allzu lange bleiben wir jedoch nicht, da es wider Erwarten nichts zu Essen gibt und unsere leeren Bäuche uns in das örtliche Bistro treiben. Am Abend versucht sich ein Teil von uns das erste Mal im ghanaischen Nachtleben. Der Taxifahrer zuckt mit keiner Wimper, als wir zu sechst in das winzige Taxi drängen. Zuerst geht es in eine Bar, in welcher ich das erste Mal seit meinem Fleischmarkttrauma wieder Fleisch anrühre, da es etwas zu Essen gibt, das einer Currywurst zum Verwechseln ähnlich sieht. Nachdem jedes Bier auf der Karte durchprobiert ist (Club, Star, Guinness), brechen wir Richtung Diskothek auf. Unseren Informationen nach soll dieser Club auch bei Touristen recht beliebt sein, wovon ich jedoch nicht allzu viel mitbekomme. Wir fühlen uns wie Salzkörner im Pfefferstreuer und werden auch dementsprechend neugierig behandelt. Gleich nach unserem Eintritt bildet sich eine Traube um uns und wir werden zu den Klängen von Hiphop und Hiplife regelrecht bedrängt. Vorallem auf die Mädchen hat es die männliche Meute abgesehen, da sich fast keine anderen Mädchen im Klub befinden. Für ein ghanaisches Mädchen ist es extrem verpönt sich in Clubs herumzutreiben und die wenigen weiblichen Wesen sind hier mehr oder weniger offensichtlich ausschließlich Prostituierte. Obwohl die allgemeine Stimmung recht gut ist, verbringen wir deshalb nicht allzu viel Zeit auf der Tanzfläche. Am nächsten Tag erfahren wir sehr spontan, dass wir jeden Donnerstag um 5 Uhr eine halbe Stunde Deutschunterricht im örtlichen Universitätsradio halten werden und heute der erste Termin ist. Der erste Versuch verläuft sehr unorganisiert. Nach einer holprigen Vorstellungsrunde mit dem Discjockey fangen wir mit ein paar Basics an. Konrad teilt der Allgemeinheit mit: „Tschüss means in german Auf Wiedersehen“. Wir spielen noch zwei mitgebrachte deutsche Songs und verlassen mehr oder weniger erleichtert den Aufnahmeraum mit dem festen Vorhaben, die nächste „Lesson“ besser durchzuplanen. Am nächsten Tag beginnen wir damit ein wenig das Land zu durchforsten und fahren in einem der extrem ungemütlichen Metrobusse Richtung Norden in das 7 Stunden entfernte Tamale. Schon auf der Fahrt wird sichtbar, dass Nord- und Südghana klimatisch wie kulturell recht unterschiedlich sind. Die bunten Wellblechhütten weichen zunehmend runden Lehmhütten, die Landschaft wird trockener und die vielen Kirchen werden von Moscheen ersetzt. Wir nutzen die erneute, lange Busfahrt dazu, auch den innerdeutschen Kulturaustausch nicht zu kurz kommen zu lassen. So wird gelehrt, dass der echte Bayer seinen Schnaps aus einem Stamperl trinkt und das Noagerl sein Mass (nicht „Maas“) nicht anrührt, während ein trödelnder Sachse „rummährt“ und ein stinkender Sachse „muchtet“. In Tamale angekommen werden wir von Malek, einem Freund Jessicas, abgeholt und finden Schlafplätze in den Polizeibaracken für 1,75€ pro Nacht und Nase. Nachdem wir uns von unserem Gepäck befreit haben, besuchen wir das Culture Center. Hier spielt sich ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens von Tamale ab. Es gibt Cafés, Jugendangebote und Künstler bieten in kleinen Hütten ihre Werke zum Verkauf an. Schnell haben wir den Maler mit den interessantesten (jedoch auch teuersten) Bildern gefunden und ich erstehe für 30€ ein surrealistisches Leinwandbild, dass Picasso selbst wohl nicht besser hinbekommen hätte. Die Augen des Künstlers und der Geruch in seinem Ausstellungsraum lassen jedoch den Verdacht zu, dass durch den höheren Preis diverse, kreativitätssteigernde Naturprodukte als Spesen mitfinanziert werden.

Am nächsten Tag reisen wir in wahnsinniger Frühe weiter nach Mole, einem riesigen Nationalpark. Zu Beginn der Reise gibt es im Bus einen großen Tumult. Die Ursache bleibt etwas im Dunkeln, wir vermuten, dass eine Frau die korrekte Nummerierung der Sitze anzweifelt und überzeugt ist, dass ihr ein Fensterplatz zusteht, was sie den Businsassen lautstark mitteilt. Immer mehr Menschen schalten sich in die Debatte ein und als die Frau sich schon längst ihrem Schicksal ergeben hat und am Gang sitzend in einer Zeitschrift blättert, hält es nach wie vor einige Mitfahrer nicht auf ihren Plätzen. Mit Höllenlautstärke und gesundheitsgefährdender Gestik streitet der halbe Bus über mittlerweile vollkommen andere Themen weiter. Wir machen uns einen Spaß das Ganze weiter anzufachen und mischen auf deutsch ordentlich mit. Der usfahrer lässt sich das ganze tatsächlich 30 Minuten gefallen, ehe er den Bus am Straßenrand abstellt und auf unmissverständliche Art mitteilt, dass er kein Problem damit hat die Streithähne im Nirgendwo aus dem Bus zu schmeißen. Die Fahrt geht durch weitgehend ungewohntes Gebiet und wir machen uns bereit schon unterwegs die ersten Giraffenhälse und Krokodilkiefer zu entdecken. Die einzigen Tiere die wir jedoch zu Gesicht bekommen: Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Hunde und Hühner. Die afrikanische Fauna haben wir uns ein wenig interessanter vorgestellt, nur die teils riesigen Termitenhügel wissen zu beeindrucken. Schnell kommen wir mit den einzigen anderen Weißen, zwei deutschen Studentinnen, ins Gespräch und verbringen mit ihnen auch die nächsten zwei Tage. Beim Hostel des Nationalparks angekommen wartet eine Überraschung. Eine riesige Wildsau hat sich mit ihren drei Ferkeln den Eingangsbereich des Mädchenzimmers als Schlafplatz ausgesucht und schnaubt uns gereizt an. Entschlossen und mit lautem Gebrüll stürzen sich die Jungs furchtlos auf die Wildtiere und jagen sie aus ihrem Versteck. Das war zumindest geplant, jedoch lassen wir uns davon überzeugen einen Parkwächter zur Hilfe zu holen, welcher die Tiere mit Zischlauten zurück ins Unterholz treibt. Am nächsten Morgen brechen wir mit einem Führer zu einer „Geh-safarie“ auf. Zu Gesicht bekommen wir einen Haufen Antilopen, ein paar Affen, weitere Wildschweine und zwei Elefanten. Da sich jedoch alles in unmittelbarer Umgebung der Zivilisation abspielt und die Elefanten am Ende sogar beinahe in das Dorf reinspazieren, mag sich ein echtes Wildlife-adventure-feeling jedoch nicht wirklich einstellen. Auf meine Nachfrage versichern mir sämtliche Parkmitarbeiter und Dorfbewohner, dass es auch Löwen in diesem Park gibt. Gesehen hat sie jedoch noch keiner der Befragten und auch keinem ist jemand bekannt, dem eine Sichtung geglückt ist. An der Löwenexistenz scheint jedoch trotzdem keiner zu zweifeln, schließlich habe man vor 10 Jahren einmal Löwenspuren entdeckt. Ein kompletter Reinfall ist der Parkbesuch jedoch trotzdem nicht, da ein Pool vorhanden ist, von dessen Rändern man eine unglaublich coole Aussicht auf den Park und ein Wasserloch hat, an welchem im Laufe des Tages auch die ein oder andere Elefantenfamilie zu sehen ist. Am nächsten Tag geht es in extremer Frühe wieder zurück nach Tamale. Der Busfahrer scheint es sehr eilig zu haben und die katastrophale Straßenqualität sorgt dafür, dass bei jedem Schlagloch ein Stöhnen durch die bandscheibenproblemgeplagten Passagiere geht. In Tamale bekommt Jessica plötzlich einige Malariasymptome und wird zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht. Obwohl das Ergebnis negativ ist, bleiben wir aus Solidarität auch auf dem Zimmer und verzichten auf das Fußballspiel Ghana vs. Brasilien. Dass es sich hier nur um ein Freundschaftsspiel und nicht um das WM-finale handelt, ist nur schwerlich zu erkennen. Unter unserem Zimmer sitzen in einem riesigen Raum hunderte Menschen und laute „Offside, Offside“-Rufe hallen durch die Straßen. In der Halbzeit stürzt Malek den Tränen nahe in das Zimmer und schimpft 15 Minuten lang lauthals über den Schiedsrichter, ehe er sich zurück ins Getümmel stürzt. Ghana verliert 0:1. Am Dienstag fahren wir vor Sonnenaufgang wieder zurück nach Kumasi. Die Stimmung ist sichtlich gedrückt, 5-maliges Aufstehen vor 6:00 Uhr macht sich in den Gemütern bemerkbar. Als wir wieder unsere Zimmer betreten, wird uns klar, dass wir das nächste Mal besser aufräumen sollten, bevor wir unser Zimmer längere Zeit verlassen. Ein auf dem Boden liegendes Brot wird von einer recht fortschrittlichen Pilzkultur bevölkert und die Ameisenstraßen treffen sich gut organisiert an zentralen Knotenpunkten und verlieren sich in den Ecken des Raumes. Nachdem alles aus dem Zimmer entfernt wurde, was keine Miete zahlt, wird um 5 Uhr nachmittags gepennt, der Schlafmangel machts möglich.
Am nächsten Morgen klopfen 2 Frauen an die Tür und fragen nach Fabian. Als wir ihnen mitteilen, dass Fabian schon vor 4 Wochen zurück nach Deutschland gefahren ist und wir ihn persönlich gar nicht kennen, ziehen die Frauen recht enttäuscht ab, jedoch nicht ohne uns ein paar Heftchen dazulassen mit der Ansage nächste Woche noch einmal zu kommen, damit man sich über den Inhalt der Zeitschriften unterhalten könne. Nach einem zweiten Blick auf den Titel der Zeitungen (Watch Tower) wird klar, dass es sich um Zeugen Jehovas gehandelt hat und wir können uns vermutlich auf wöchentliche Gäste freuen. Aus Langeweile blätter ich später tatsächlich in einem der Wachtürme und bin nun bestens informiert über Sinn, Zweck, Entstehung und Absichten des Teufels. Am Nachmittag fahre ich ins Stadtzentrum um mein Handy reparieren zu lassen. Tatsächlich finde ich jemanden, der sich dem Problem sofort annimmt und innerhalb von einer Stunde für 10 € die kaputten Knöpfe wieder zum Laufen bringt. Am Abend schaun wir zu acht noch den Film „The Ghost“ an, dessen Qualität eine Erwähnung eigentlich nicht im Mindesten rechtfertigt. Zum Glück schlafe ich vor der Hälfte ein und mir bleibt sehr viel Stumpfsinn erspart. Am Donnerstag geht es mit dem Trotro weiter Richtung Westen nach Koforidua. Mit Dschungel bewaldete und von Felsen zerklüftete Berge bilden die Landschaft und man fühlt sich eher an die Anden erinnert als an Afrika. Als erstes besuchen wir den berühmten Perlenmarkt, auf welchem es Perlen, Ketten und Perlenketten in allen erdenklichen Farben, Mustern und Größen zu kaufen gibt. Wir kommen mit einer Frau ins Gespräch, die Ketten für ein Projekt für allein erziehende Mütter verkauft und versprechen am nächsten Tag das Projekt zu besuchen. Auf der Suche nach etwas zu Essen finden wir tatsächlich ein Fastfoodrestaurant und stopfen uns, froh mal was anderes als Reis und Weißbrot zu sehen, mit Burgern und Pommes voll. Den Abend verbringen wir in einer Bar.
Am nächsten Tag chartern wir für 60 Cedis zwei Taxis und fahren zu in der Umgebung liegenden Sehenswürdigkeiten. Zuerst kraxeln wir einen extrem steilen, von riesen Tausendfüßlern bewachten Berg empor um an der Spitze die Aussicht und eine berühmte 3-läufige Palme anzuschauen. Anschließend geht´s den Berg wieder runter und zu einem sehr großen Wasserfall. Hier treffen wir unsere beiden Taxifahrer wieder, deren rubinrote Augen und seelige Grinsen uns verraten, dass sie eine Möglichkeit gefunden haben sich die Zeit zu vertreiben. Mit etwas mulmigen Gefühl besteigen wir die Taxis, doch schaffen es die Fahrer ihre Wägen auf der Straße zu halten. Nach dem Besuch des besagten Perlenprojektes geht es zurück nach Koforidua. Dort angekommen verlangen die Taxifahrer plötzlich 20 Cedi mehr, da der Ausflug länger gedauert hat, als angeblich ausgemacht war. Als wir sie daran erinnern, dass sie die meiste Zeit eh nichts zu tun hatten und ganz offensichtlich Graß geraucht haben, entgegnen sie ohne jede Verlegenheit, dass das ihre Sache sei und wir ja schließlich ohne Unfall zurück gekommen seien. Wir einigen uns auf einen 10 Cedi Aufschlag, da sich die Taxifahrer in der Diskussion sehr ausdauernd zeigen. Am nächsten Tag bringen wir in Erfahrung, was es in Ghana für Nachteile hat einen Schlafraum neben einer Kirche zu haben. Ab 5:00 Uhr in der Früh erfreuen uns die ansässigen Adventisten mit vielstimmigen und lautstarken Gesängen. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es 9:00 Uhr und die Gesänge sind nicht im Geringsten abgeflaut. In einem Trotro geht es wieder nach Kumasi und anschließend nach Denchemouso. Die Frau von Mr. Ado, dem Besitzer des „Schulkiosks“, begrüßt uns mit einem „Welcome home“. Daran werden wir uns wohl auch erst noch gewöhnen müssen.

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